Brandauer liest: Der tolle Mensch und seine kleine Freiheit

16. Mai 2017 von
Brandauer liest nicht nur, er spielt seine Texte. Fotos: Matthias Leitzke / Autostadt
Wolfsburg. Klaus Maria Brandauer gastierte zusammen mit dem Deutschen Filmorchester Babelsberg auf der movimentos-Festival-Bühne im KraftWerk der Autostadt. Die musikalische Lesung sorgte bei den rund 1000 Gästen für eindrucksvolle Momente. Am Ende gabt es „Standing Ovations”.

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Der Abend beginnt passend mit den erwartungsvollen Klängen aus Richard Wagners Ouvertüre zu „Lohengrin”. Brandauer sitzt bereits auf der Bühne. Zunächst unbemerkt auf einem Stuhl im Orchester, steht er plötzlich auf und schreitet zum Tisch am Bühnenrand. Es ist der Moment, bei dem das Publikum den Atem anhält. Die Tribüne im KraftWerk ist voll besetzt und alle warten auf die ersten Sätze des charismatischen Schauspielers.

Sehnsucht nach Freiheit

Brandauer hat sich Texte herausgesucht, die sich mit dem Thema der Freiheit beschäftigen. Oft klingt die Sehnsucht nach ihr an. Den Anfang setzt er mit einem Auszug aus Heinrich Heines „Deutschland ein Wintermärchen”, um wenig später über „Prometheus” aus der griechischen Mythologie ins Zwiegespräch mit Gott zu geraten. Dabei hebt Brandauer immer wieder die Arme, schlägt mit der Faust auf den Tisch, ruft, klagt an, um im nächsten Augenblick wieder flüsternd zu beschwören. Darauf hat das Publikum in Wolfsburg gewartet. Und es wird nicht enttäuscht.

Ob Nietzsches „Der tolle Mensch” oder Paul Celans „Todesfuge”, Braundauer liest nicht nur von der „schwarzen Milch”, er trinkt sie gleichsam literarisch selbst und schafft immer wieder eine dunkel-bedrohliche Atmosphäre. In den stillen Momenten des Programms, in denen nichts zu hören ist als das Rauschen der Belüftungsanlage des Saales, ist der große Schauspieler ganz bei sich und das Publikum folgt. Immer eingefangen vom großartig eingestimmten Orchester, fährt der Abend dahin. Beethoven, Vivaldi oder Grieg betten die Texte in eine stimmige Klangwelt ein.

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Brandauer und das Deutsche Filmorchester Babelsberg zogen das Publikum in ihren Bann.

Französische Hymne als Farbtupfer

Die ungewöhnlich sanft intonierte französische Hymne „La Marseilleise” wirkt darin fast schon wie ein kleiner aufmunternder Farbtupfer. Übrigens auch Brandauer selbst, wenn er plötzlich fragend ins Publikum schaut und aus Ibsens „Peer Gynt” liest: „So Mutter, nun wollen wir plaudern.” Von diesen leichteren Augenblicken, Brandauers Augenzwinkern und angedeuteten Dialogen mit Dirigent Arno Waschk hätte man sich vielleicht sogar etwas mehr gewünscht. So gerät der Abend zeitweise zu einem sehr tragenden und bisweilen sogar bedrückenden Arrangement. Doch es ist eben Klaus Maria Brandauer, der hier in Wolfsburg auf der Bühne steht. Das tragisch-dunkle Element und die bisweilen bittere Ironie zeichnen nicht nur seinen filmischen Durchbruch „Mephisto” (1981) unter der Regie von István Szabó aus. Sie gehören gleichsam zum Mann des Wiener Burgtheaters. Als Dank für den tosenden Schlussapplaus gibt es eine Zugabe. Dann entlässt Brandauer sein Publikum: „Die große Freiheit ist es nicht geworden, die kleine Freiheit vielleicht.”

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Das Publikum feierte Klaus Maria Brandauer und Arno Waschk im KraftWerk. Foto: André Ehlers

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