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Archivalie des Monats: Gästebucheintrag eines Kontrolloffiziers

19. April 2018
Gästebucheintrag von 1976. Foto: Stadt Wolfsburg
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Wolfsburg. Regelmäßig stellt die Stadt Wolfsburg alte historische Fundstücke vor hinter denen sich zum Teil erstaunliche Geschichten verbergen. Bei dem heutigen Exemplar handelt es sich um einen alten Gästebucheintrag von 1976.

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Werner Strauß vom Institut für Zeitgeschichte und Stadtpräsentation (IZS) klärt auf:

Mit seinem verdienstvollen Wirken hat sich Major Ivan Hirst in die Geschichte von Stadt und Volkswagenwerk eingeschrieben. Am 8. Mai 1945 betrat Hirst das erste Mal das durch den Krieg teilzerstörte Volkswagenwerk, wo er von deutschen Führungskräften durch die Produktionshallen geführt wurde. Als dann im August des gleichen Jahres die britischen Kontrollstellen die Aufsicht über das Volkswagenwerk übernahmen, bekam Major Hirst als technischer Offizier und faktischer Kontrolleur der Geschäftsleitung des Werkes eine neue Aufgabenstellung. Diese charakterisierte er mehr als zwanzig Jahre später anlässlich eines Stadtempfangs am 26.11.1976 mit folgenden Worten: „Wir wollten etwas tun, was für Deutschland gut war, denn wir hatten den Auftrag, dieses Deutschland zu regieren und fühlten uns dafür verantwortlich.“

Hirst erhielt von seinen Vorgesetzten in der unmittelbaren Nachkriegszeit den Auftrag, die Verwendungsmöglichkeiten des Werkes zu untersuchen. In der existenziellen Krise von Werk und Stadt wies der Offizier durch die Konsolidierung des Volkswagenwerkes den Weg in eine von vielen Wolfsburgern und Werksangehörigen ersehnte gesicherte Zukunft. Zunächst nahm die britische Militärregierung an, das Werk Wolfsburg ausschließlich als Reparaturwerk für Militärfahrzeuge nutzen zu können. Allerdings entschlossen sich die Verantwortlichen bald darauf dazu, die ersten vorbereitenden Arbeiten für den Anlauf der Serienproduktion des „Käfers“ aufzunehmen. Die anfangs produzierten Fahrzeuge waren zunächst für die Besatzungsmacht und schließlich auch für dringende Transporterfordernisse der zivilen Behörden gedacht. Zu den ersten Fahrzeugen, die das Werk für zivile Zwecke verließen, gehörten in geringer Anzahl Fahrzeuge für die Post. Gleichzeitig mit der Aufnahme der Produktion hintertrieb Hirst die ursprünglich geplante Demontage des Volkswagenwerkes. Er setzte sich für die Interessen des Volkswagenwerkes ein und fühlte sich mitverantwortlich auch für die Menschen und die wirtschaftliche Entwicklung beim Wiederaufbau in der Region um Wolfsburg.

In seiner Führungsrolle zeichnete sich Major Hirst durch Pragmatismus, Umsicht und Gespür für das Notwendige aus. Nachdem eine ansehnliche Produktion von Volkswagen aufgebaut werden konnte, zog Hirst einen Export von Volkswagen ernsthaft in Erwägung. 1947 wurden die ersten Käfer in die Niederlande exportiert; das inzwischen etablierte Unternehmen sollte mit Heinrich Nordhoff einen profilierten deutschen Generaldirektor bekommen. Die Anwerbung Nordhoffs gilt vor allem als unternehmerische Leistung des britischen Offiziers. Hirst verließ im August 1949 Wolfsburg und sah seinen Auftrag als erfüllt an. Er übernahm andere Aufgaben in der britischen Militärverwaltung.

Mit dem oben erwähnten Empfang im Rathaus ehrte die Stadt den ehemaligen Offizier, der durch seinen Einsatz den Grundstein für den folgenden Aufschwung von Werk und Stadt in den Wirtschaftswunderjahren gelegt hatte. Oberbürgermeister Rolf Nolting dankte Ivan Hirst im Namen des Rates und der Stadt Wolfsburg für sein damaliges verdienstvolles Engagement. Unter seiner Mitwirkung habe die „Erfolgskurve des Werkes“ begonnen. Mit britischem Unterstatement antwortete Hirst: „Ich war es nicht allein. Es waren die Männer, die in meinem Team für das Werk und die Stadt sorgten. Von einer Stadt konnte allerdings damals nicht die Rede sein.“

Als Archivalie des Monats dient ein Auszug aus dem Gästebuch der Stadt (HA 15684), in dem sich Hirst eintrug und hinzufügte, er sei zu 50 Prozent ein Mann aus Yorkshire und zu 50 Prozent ein Wolfsburger. Mit seinem feinsinnigen Humor beeindruckte der frühere Offizier die Gäste des Stadtempfangs. Es nahmen nicht nur hochrangige Kommunalpolitiker teil, sondern mit dem früheren Archivar des Volkswagenwerkes und nunmehrigen Bundestagsabgeordneten Dr. Volkmar Köhler sowie Dr. Bernd Wiersch als dessen Nachfolger als Werkshistoriker auch Vertreter der Volkswagen AG. Als Dank für die Verdienste um die Stadt erhielt Hirst aus den Händen des Oberbürgermeisters ein Mocca-Service mit Wolfsburger Motiven. In seiner Laudatio führte Nolting aus: „Dass wir hier eine moderne und junge Industriestadt haben, verdanken wir nicht zuletzt Ihrem maßgebenden Einfluss, den Sie an entscheidender Stelle zum Wohle der Stadt ausgeübt haben.“

Ivan Hirst starb nach einem erfüllten Leben am 9. März 2000 im Alter von 84 Jahren. Sein Grab befindet sich auf dem Friedhof von Saddleworth in der Nähe seines Geburtsortes. Die Stadt Wolfsburg ehrte den britischen Offizier mit der Straßennamenbezeichnung „Major-Hirst-Straße“ am Forum Autovision.

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